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Deutschlands digitaler Umbau:
Der Deutschland-Stack als Schlüssel zur digitalen Souveränität
Prof. Dr. Jörn von Lucke, Zeppelin Universität Friedrichshafen
Mit der Gründung des Bundesministeriums für Digitalisierung und Staatsmodernisierung (BMDS) und der Zusammenführung relevanter Einheiten aus bestehenden Ressorts gewinnt die Gestaltung des digitalen Staats in Deutschland deutlich an Dynamik und Professionalität. Die enge Verzahnung von Digitalisierung und Staatsmodernisierung schafft eine klare strategische Ausrichtung. Im Zentrum stehen zudem die Themen Digitale Souveränität, Digitale Wirtschaft, Digitale Infrastrukturen und Internationale Digitalpolitik. Sie alle bilden die Grundlage für einen modernen, handlungsfähigen Staat.
Das BMDS konzipiert den Deutschland-Stack als nationale, souveräne Technologieplattform, die die digitale Infrastruktur für Bund, Länder und Kommunen vereinheitlicht und interoperabel macht. Ziel ist eine offene, sichere, verbindliche, skalierbare Basis, auf der digitale Verwaltungsdienste gemeinsam entwickelt und betrieben werden können. Diese Aufgabe ist im föderalen Raum anspruchsvoll und gerade deshalb nach ihrer Umsetzung von unschätzbarem Wert. Aus Sicht der Verwaltungsinformatik und im Sinne der Dresdner Forderungen 2.0 der Gesellschaft für Informatik müssen bei der anstehenden Realisierung die folgenden 10 Thesen berücksichtigt werden.
These 1: Der Deutschland-Stack ist ein soziotechnisches System und nicht nur ein Technologiepaket Verwaltungen sind keine Maschinen. Sie sind Organisationen mit Menschen, Regeln, Routinen, Machtstrukturen und Lernpfaden. Der Erfolg des Deutschland-Stacks hängt nicht allein von den Werkzeugen ab, sondern von der intelligenten Kopplung von Technik, Organisation und Recht. Nur wenn diese Dimensionen zusammenspielen, etabliert sich ein leistungsfähiger, moderner Staat.
These 2: Interoperabilität ist Governance und nicht nur Technik Offene Schnittstellen wie APIs allein schaffen keine Zusammenarbeit. Interoperabilität entsteht erst, wenn Verantwortlichkeiten klar sind, Standards verbindlich gelten und Abweichungen sanktionierbar werden können. Der Deutschland-Stack muss Governance erzwingen, nicht nur ermöglichen. Server sind austauschbar. Regeln, Verantwortlichkeiten und Machtbegrenzung sind es nicht. Der Kern des Deutschland-Stacks liegt in den Fragen: Wer entscheidet? Wie treten Dritte bei? Wie werden Lösungen ausgephast? Wer kann wechseln? Wie wird Missbrauch verhindert? Wer haftet?
These 3: Föderale Systeme benötigen Architekturen, keine Zentralisierung Föderalismus ist komplex, aber zugleich ein entscheidender Resilienzfaktor. Er verhindert Monokulturen, Machtkonzentration und Systemversagen. Der Deutschland-Stack wird erfolgreich, wenn er architektonische Ordnung und einheitliche Standards schafft, bei pluraler Umsetzung und ohne politische Ebenen zu entmachten. So entsteht Vielfalt in der Einheit, ohne die Stärke des Föderalismus zu gefährden.
These 4: Digitale Souveränität bedeutet Systemwechsel ermöglichen Souverän ist ein System nicht, weil es selbst entwickelt wurde, sondern weil es Komponenten austauschen, Anbieter wechseln und Pfade verlassen kann. Ziel ist Abhängigkeitsmanagement, nicht Abschottung. Der Deutschland-Stack muss daher Reversibilität systematisch ermöglichen und absichern. Souveränität zeigt sich zudem im Alltag. Bürger sind nicht nur Nutzer, sondern auch Rechte- und Anspruchsträger. Deshalb bedarf es klarer Konzepte für digitale Teilhabe, Befähigung, Inklusion und durchsetzbare digitale Rechte sowie transparente Prozesse, die Datenverwendung verständlich und steuerbar machen.
These 5: Standardisierung ist Macht, auch im Staat Standards bestimmen, wer integriert wird, wer ausgeschlossen bleibt und wer die Entwicklung kontrolliert. Der Deutschland-Stack braucht daher offene, transparente, überprüfbare und adaptive Standardisierungsprozesse. Einheitliche Standards senken Transaktionskosten und schaffen Investitionssicherheit. Unternehmen und Behörden investieren dort, wo die Regeln klar, Schnittstellen stabil und Risiken kalkulierbar sind. Der Stack darf daher kein Innovationshemmnis sein. Er muss als Innovationsversicherung wirken.
These 6: Open Source ist ein Organisationsprinzip, nicht bloß ein Lizenzmodell Offener Quellcode bedeutet Austauschbarkeit, Transparenz und Verhandlungsmacht. Digitale Souveränität ohne Open Source ist ein Widerspruch. Doch Open Source wirkt nicht automatisch. Es funktioniert nur, wenn Verantwortung klar geregelt, Pflege finanziert und die Weiterentwicklung institutionalisiert ist. Der Deutschland-Stack muss Open Source betrieblich absichern und nicht nur postulieren.
These 7: Der größte Engpass ist nicht Technik, sondern Kompetenz Systeme scheitern selten an ihrer Architektur, sondern an fehlender organisationaler Befähigung. Ein Deutschland-Stack ohne Lernpfade, Rollenbilder und Kompetenzentwicklung ist strukturell instabil. Kompetenzaufbau muss Verwaltung, Politik, Zivilgesellschaft und Wirtschaft umfassen, mit Fokus auf Electronic Government, Open Government, Smart Government und künstliche Intelligenz im öffentlichen Sektor sowie Daten- und Prozessexzellenz. Aktuelle Forschungsergebnisse sind dabei konsequent einzubeziehen.
These 8: Wirkungssteuerung ist wichtiger als Projektsteuerung Erfolg misst sich nicht an Meilensteinen, Releases und Budgets, sondern an Nutzung, Anschlussfähigkeit und tatsächlicher Wirkung. Der Deutschland-Stack braucht daher klare Wirkungsmetriken. Das BMDS darf sich nicht nur mit Projektlogik zufriedengeben. Entscheidend ist, ob digitale Lösungen im Alltag spürbar Nutzen stiften.
These 9: Resilienz entsteht durch Vielfalt auf Basis gemeinsamer Regeln Monolithische Systeme sind effizient, bis sie versagen. Resiliente Systeme kombinieren Vielfalt an Lösungen mit einheitlichen Regeln. Der Deutschland-Stack muss daher Heterogenität ermöglichen, nicht beseitigen. Nur so stärkt er gesellschaftliche, wirtschaftliche und demokratische Resilienz, erhöht die Reaktionsgeschwindigkeit in Krisen und schafft Handlungsoptionen.
These 10: Der Deutschland-Stack ist ein lernendes System Anforderungen ändern sich. Technologien ändern sich. Organisationen ändern sich langsam. Der Deutschland-Stack muss daher Feedback integrieren, Fehler sichtbar machen und sich evolutionär weiterentwickeln. Nur ein lernendes System bleibt zukunftsfähig.
Fazit: Der Deutschland-Stack als Schlüssel zur digitalen Souveränität Der Deutschland-Stack ist kein Allheilmittel. Aber ohne ihn ist digitale Souveränität in einer global vernetzten Welt nicht verhandelbar. Diese entsteht nicht durch Kontrolle, sondern durch architektonisch abgesicherte Gestaltungsfreiheit. Mit dem Stack wird Souveränität verhandelbar, gestaltbar und politisch verantwortbar. Er ist daher nicht nur technische Infrastruktur, sondern auch gesellschaftliche, ökonomische und machtpolitische Infrastruktur für die Transformation von Staat und Verwaltung. Dazu muss er deutschlandweit, europaweit und weltweit anschlussfähig sein. Die Verwaltungsinformatik bewertet den Erfolg nicht nach Visionen, sondern nach Anschlussfähigkeit, Lernfähigkeit und Reversibilität. Der Deutschland-Stack ist dann erfolgreich, wenn er dauerhaft funktioniert und sich weiterentwickelt.
Jörn von Lucke: Deutschlands digitaler Umbau - Der Deutschland-Stack als Schlüssel zur digitalen Souveränität, in: Eva-Charlotte Proll (Hrsg.): Jahrbuch Deutschland+ 2026 – Digitale Neuausrichtung – Ein Jahr voller Impulse, Debatten und Aufbrüche, Pro-Press Verlagsgesellschaft mbH (Behörden Spiegel-Gruppe), Bonn 2026, S. 47-48.